Handel und Wandel bei Konsum Berlin oder warum sich keiner vorstellen konnte, was die Wende mit dem Konsum in Berlin macht

 

Orangen gab es nur zu Weihnachten und Bananen fast nie – diese Vorstellung hatten wohl die meisten Bundesbürger, wenn sie ans Einkaufen in der DDR dachten. Doch von einem derartigen Mangel waren die Kaufhallen der Konsumgenossenschaft Berlin in der Hauptstadt nicht geprägt. Bestimmte Güter wie etwa Bananen gab es zwar auch dort nicht immer, aber doch erheblich öfter als in anderen Bezirken der DDR. Viele Konsum-Kaufhallen Ost-Berlins profitierten außerdem von einer improvisationsfreudigen und mutigen Belegschaft, die vieles organisieren konnte und zusammenhielt.

 

Berlin als Standort war schon etwas Besonderes, darin sind sich die Zeitzeugen Dieter Croll, Hannelore Kunte, Gerhard Wächtler und Klaus Mätz einig. Sie haben den Konsum Berlin als Handelsorganisation noch live erlebt, Kaufhallen geleitet oder hatten in der Verwaltung eine verantwortliche Stellung. In Ost-Berlin sei vieles anders gewesen als im Rest der damaligen Deutschen Demokratischen Republik.

 

Improvisationstalent hilft weiter

Insbesondere bei knappen Gütern galt die Devise „haste was, dann kriegste was“, so Klaus Mätz, der so manche Gelegenheit nutzte, Sortiment oder Ausstattung seines „Siedlerfreund“-Baumarktes durch selbst organisierten Handel zu verbessern. Oder, wie es Dieter Croll formuliert: „Weil einerseits diktiert wurde, was man machen darf, andererseits aber viele Notwendigkeiten bestanden, war man gezwungen, viele Dinge zu improvisieren.“

 

Dabei half der Zusammenhalt in den Belegschaften. Hannelore Kunte etwa hatte in ihrer Kaufhalle mit 1.300 Quadratmeter Verkaufsfläche und täglichen Öffnungszeiten von acht bis 18 Uhr und einmal wöchentlich von acht bis 20 Uhr 80 Mitarbeiter zur Verfügung, die im Schichtdienst arbeiteten. Alle wurden dringend gebraucht, denn es gab viel mehr Arbeit als es heute in den Supermärkten und Discountern der Fall ist. Jede Kaufhalle hatte große Lager- und Arbeitsflächen, in denen lose gelieferte Waren für den Verkauf aufbereitet wurden.

 

Dieter Croll schildert die Aufgaben in seiner Kaufhalle: „Wir haben manchmal sogar halbe Schweine bekommen, die wir weiter zerkleinern mussten. Es waren viele Leute nötig, um die Ware so herzustellen, dass man sie verkaufen konnte. Es wurden auch mindestens zwei Heizer gebraucht. Meistens hatten wir Heizhäuser nebenan, die mit Braunkohle betrieben wurden.“ Kam spätestens am ersten Dezember eine Palette mit Orangen an, waren zwei bis drei Mitarbeiter damit beschäftigt, diese in Netzschläuche abzupacken. In manchen Kaufhallen gab es eigene Kantinen für die Mitarbeiter. „Der Arbeitseinsatz war hoch“, sagt Hannelore Kunte. „Wenn noch etwas aus- oder eingeräumt werden musste, hat man eben später Feierabend gemacht. Ohne dafür nach Geld zu fragen.“

 
Enger Zusammenhalt der Belegschaften

Stattdessen feierte man zusammen, manchmal auch direkt vor Ort in der Kaufhalle. Da wurden die Brotwagen an die Seite gerollt und der Raum für die Belegschaftsfeier umdekoriert. Grund zum Feiern gab die gelungene Inventur ebenso wie die Prämie für die gesammelten Eierpappen oder Neuerungsvorschläge. Diese Gelder konnten unter den Kollegen aufgeteilt werden oder kamen, wenn alle zustimmten, in eine gemeinsame Kasse, aus der unter anderem die Feiern finanziert wurden. Auch die Erfüllung des von der Zentrale für jede Verkaufsstelle vorgegebenen Plans wurde belohnt. Die Zentrale bekam ihr planwirtschaftliches Gesamtziel zuvor vom Staat und rechnete es auf die Verkaufsstellen und Kaufhallen um, für die sich der jeweilige Plan unterscheiden konnte. „Es hieß dann, macht zehn Prozent mehr Umsatz“, beschreibt Dieter Croll. „Wie wir das machen sollten, war vollkommen unklar.“ Wenn Ware fehlte oder Artikel, die sich gut verkauften, an die „Delikat“-Läden abgegeben werden mussten, wurde es umso schwerer.

 

Klaus Mätz berichtet von kleineren Verkaufsstellen, die ihr Soll nicht schaffen konnten. Diesen habe man dann unbürokratisch geholfen, damit sie ihr Soll erreichten und damit die begehrte Jahresendprämie. Für das Umverteilen von Waren untereinander durften sich die Verkaufsstellen und Kaufhallen mit Umlagerungen behelfen. Dafür gab es eigens Überweisungsscheine. Auch die Belegschaften hielten im Großen und Ganzen zusammen. Es galt die Devise: Der Marktleiter ist ohne sein Kollektiv nichts und das Kollektiv nichts ohne seinen Marktleiter. Dann kamen die Wende und der Fall der Mauer.

 
Chaos nach dem Mauerfall

Von einem Tag auf den anderen änderte sich nicht nur das Konsumverhalten vieler Konsum-Kunden und Mitglieder. Sie zeigten sich wenig solidarisch mit ihren vertrauten Kaufhallen und vielmehr hungrig nach Westware. Auch der Zusammenhalt vieler Belegschaften brach auf. „Der Konsum war in der Bevölkerung beliebt“, sagt Klaus Mätz, denn die Mitglieder bekamen Ende des Jahres eine Rückvergütung. Das schien jetzt alles egal. „Als die Ware aus dem Westen kam, wurde selbst die gute Ware aus dem Osten nicht mehr gekauft“, hat Dieter Croll erlebt. „Die ersten Wochen waren schlimm.“ Was die Kunden als Ostware erkannten, blieb in den Regalen liegen und musste schließlich entsorgt werden.

 

Dabei hatte die Zentrale des Konsum Berlin selbst Probleme, Waren zu beschaffen. Der Großhandel, wie es ihn vorher gegeben hatte, bestand nicht mehr. Die bewährten Strukturen verschwanden in einer ungeahnten Geschwindigkeit. „Wir standen vor dem Problem, dass es auf einmal keinen Großhandel mehr gab, weil der ja staatlich organisiert gewesen war. Alles, was staatlich organisiert war, unterstand später der Treuhand oder wurde abgewickelt. Wir waren gezwungen, uns aus anderen Quellen Waren zu besorgen, egal wo“, schildert Gerhard Wächtler, der bis ins Jahr 1990 im Vorstand des Konsum Berlin tätig war. Der Vorstand und mit ihm der gesamte Berliner Konsum befand sich in einem Teufelskreis. Man musste Ware einkaufen, aber der Konsumgenossenschaft fehlte die Liquidität, dies bei fremden Lieferanten zu tun. Was zur Folge hatte, dass die Läden mitunter leer gewesen seien, weil die alte Ware ausverkauft war und neue noch nicht angekommen. „Oder die Kunden haben nur gekauft, weil es mal ein Schnäppchen gab. Das galt für den Industriewarensektor genauso wie für Lebensmittel“, so Wächtler.

 

Tatsächlich war spätestens nach der Währungsunion die Konkurrenz aus dem Westen ebenfalls in Ostdeutschland und damit Ost-Berlin aktiv. Hatten Vertreter der großen West-Supermarktketten anfangs noch bei Wächtler im Büro Schlange gestanden, um mit ihm Geschäfte zu machen, taugten die Vereinbarungen auf einmal nichts mehr. Die eigenen Supermärkte wurden bevorzugt beliefert. Auch die Logistik wurde für den Konsum zur Herausforderung. Als einmal mehrere Güterzüge mit Ware zugleich ankamen, habe es zwei Monate gedauert, bis diese verteilt war. Um bei Saisonware wie zum Beispiel Winterschuhen entsprechend auswählen zu können, sei es im ersten Jahr bereits zu spät gewesen. Die Einkäufer des Konsum Berlin konnten sich nur noch unter den Dingen entscheiden, die noch verfügbar waren. Hatte es in der DDR kaum Möglichkeiten gegeben, Preise frei festzulegen, kam mit der Wende die freie Marktwirtschaft. Einkaufspreise günstig auszuhandeln und Verkaufspreise so zu gestalten, dass sich die Waren verkaufen ließen und einen Überschuss erwirtschafteten, fiel zunächst schwer. Die neuen Bedingungen überforderten mitunter nicht nur die Zentrale, sondern auch die Leiter einzelner Geschäfte. „Alles, was wir jahrelang gemacht hatten, in der Kaufhalle und beim Einkauf, schien auf einmal falsch“, bringt es Hannelore Kunte auf den Punkt.

 
Unsicherheit und Umbruch in allen Bereichen

Nicht nur die Belieferung der Kaufhallen mit Waren war auf einmal unsicher, auch die Kriminalität stieg sprunghaft an. „Nach der Wende hatten wir fast jede Woche einen Einbruch, das war schlimm“, erinnert sich Dieter Croll. „Wenn nachts das Telefon klingelte, wusste ich schon: Die Polizei ist dran, es hat wieder einen Einbruch gegeben.“ Die Sicherheit tagsüber zu gewährleisten, wurde ebenfalls schwieriger, da die Belegschaft entweder abgebaut werden musste oder von selbst geschrumpft war, weil der Westen lockte. Als sich nach etwa einem Jahr Kunden wieder für ihre einst geschätzten Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs aus dem Osten interessierten, gab es viele Unternehmen schon nicht mehr oder sie waren an West-Firmen verkauft.

 

Für die Konsum-Berlin-Zentrale bedeuteten die neuen Zeiten einen Umbruch in fast allen Bereichen. Die Belegschaften der Kaufhallen und anderer Einrichtungen wurden reduziert, neue Leute kamen, andere gingen. 1992 schließlich war die Zeit des Konsum Berlin als Handelsgenossenschaft endgültig vorbei. Der Vorstand hatte beschlossen, den Handel aufzugeben und sich auf die vorhandenen Immobilien und ihre Bewirtschaftung zu konzentrieren.

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